Hintergründe

Als Fin-de-Siècle bezeichnet man die literarische und musikalische Erpoche um die Jahrhundertwende. Sie vereint die realistischen, impressionistischen Strömungen der 1880er bis 1890er Jahre und stellt die Weichen für den Expressionismus sowie den Jugendstil der 1900er und 1910er Jahre.

Ende des 19. Jahrhunderts entsteht eine neue Kunstrichtung, die in Deutschland als „Jugendstil“ und in Frankreich als „Art Nouveau“ bezeichnet wird. Kennzeichen sind geschwungene Linien, später überwiegend geometrische Ornamente. Die Stilperiode des Jugendstils ebnet den Weg in die Moderne. Der Jugendstil war die provokative Suche nach neuen Ausdrucksformen und einer neuen Identität. Die vorangehende Stilepoche, den Historismus, hielt man für überholt: mit seinen üppigen Verzierungen und aufwändigen Ornamenten, die zum Teil an die Gotik oder den Barock angelehnt waren, entsprach er nicht mehr einer sich rasch verändernden Welt. Doch auch der Jugendstil mochte Ornamente: Die eleganten Schwünge pflanzlicher Formen waren die Lieblingmotive. Charakteristisch sind auch (Schlangen-)Linien, alles Fließende, Pflanzen, bewegtes Wasser oder Tierdarstellungen wie etwa von Schwänen, die zu einem abstrakten Ornament werden. Es ist eine Flächenkunst, zweidimensional, ohne jede Raumillusion.

Der Jugendstil umfasste schliesslich fast alle Kunstgattungen: von der Architektur über Malerei, Plastik und Literatur, Glas- und Buchkunst. Auch die Musik wagte sich langsam aus ihren bekannten Grenzen. Ausdruckstanz löste das klassische Ballett mit Tutu und Spitzenschuhen ab. Modedesigner befreiten das Frauenkleid vom klassischen Symbol gesellschaftlicher Zwänge, dem Korsett. Lebensraum wurde zum Kunstraum. Jugendstilarchitekten bauen in den Metropolen Europas (unter anderem in Paris) U-Bahn-Stationen so elegant wie Opernhäuser.

Der Cancan war zunächst ein exzentrischer und aufsehenerregender Gesellschaftstanz, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Bühnenschautanz wurde. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Tanz nur noch in Varietés, Cabarets und Revuetheatern aufgeführt. Weil man den Tänzerinnen bei den typischen Spagatsprüngen und hohen Beinwürfen unter die Röcke sehen konnte, wurde der Cancan bald polizeilich verboten.
Berühmte Tänzerinnen waren etwa La Goulue oder Jane Avril – beides langjährige Publikumslieblinge im Moulin Rouge der Jahrhundertwende! Gratistip: Youtoube checken und den berühmtesten Cancan von Offenbach hören.

Zwei Zitate über La Goulue (1866 – 1929), die vom Strassenkind zur Tänzerin und von der Tänzerin zur Raubtierdompteurin wurde: Toulouse-Lautrec: „Sie hat eine Aufrichtigkeit, die man bei keiner anderen findet; mal fröhlich, mal schüchtern, mal kühn oder katzenhaft graziös, geschmeidig wie ein Handschuh.“
Yvette Guilbert (eine Sängerin des Moulin Rouge): „Die Goulue in schwarzen Seidenstrümpfen nahm ihren schwarzen Atlasfuß in die Hand und ließ die sechzig Meter Spitzen ihrer Jupons hin- und herkreisen; sie zeigte ihr Höschen, dem drollig ein Herz aufgestickt war, das sich kurios über ihr kleines Hinterteil spannte, wenn sie ihre unehrerbietigen Reverenzen machte; rosa schimmerte die Rosette des Strumpfbandes, und bis auf die feinen Knöchel sank ein köstlicher Spitzenschaum und ließ ihre herrlichen gelenkigen, geistvollen und aufreizenden Beine erscheinen und verschwinden. Mit einem Schwung des Fußes nahm die Tänzerin ihrem Kavalier den Hut ab und setzte sich in die Grätsche, mit starraufrechtem Oberkörper, die schmale Taille in himmelblauer Seidenbluse.“ Übrigens: La Goulue ist Französisch und heisst so viel wie „die Gefrässige“.

Henri Marie Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa (1864 –1901) war ein französischer Maler und Grafiker des Post-Impressionismus (und beginnenden Jugendstils), der vor allem durch seine Darstellungen des Pariser Nachtlebens im Montmartre und dessen Tänzerinnen und Sängerinnen berühmt wurde. Er litt an einer Erbkrankheit, die vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass er aus einer inzestuösen Adelsfamilie stammte – seine Eltern waren Cousin und Cousine. Die daraus folgende Zwergwüchsigkeit liess ihn zeitlebens nicht grösser als 1,52m werden. Trotz seiner adeligen Abstammung fühlte sich Toulouse-Lautrec als Bohémien und lebte ab 1884 im Montmartre-Quartier, wo er die berühmten Gesichter der Zeit porträtierte und berühmte Grafiken schuf. Leider gehörte zu seinem Bohème-Leben auch der Alkohol und so starb er 1901 an den Folgen seiner Sucht.

„Kurtisane“ (fr. courtisane, ital. cortigiana, die weiblichen Form von cortigiano für „Höfling“) ist ein Synonym für „Mätresse“: Als Mätresse (fr. maîtresse für „Meisterin“) bezeichnete man eine öffentlich als solche bekannte Ge- liebte eines Fürsten oder sonstigen Adligen. In gesellschaftlichen Verhältnissen, wo Ehen vor allem wegen politi- schen und materiellen geschlossen wurden, hatten Männer häufig eine Mätresse, die sie „halb“ legitimierten, weil es ohnehin unmöglich gewesen wäre, sie geheim zu halten. Meistens hatten sie zu ihnen eine engere affektive und geistige Beziehung als zu ihrer Gemahlin. In der höfischen Gesellschaft war der Status der Mätresse anerkannt. Einige hatten bedeutenden politischen Einfluss, indem sie den Fürsten in seinen Entscheidungen beeinflussten oder in seinem Namen Anweisungen gaben. Der Fürst sorgte für den standesgemäßen Unterhalt der Mätresse. Um ihnen Zugang bei Hof zu erlauben, wurden viele Mätressen geadelt. Der Begriff „Mätresse“ wurde umgangssprachlich auch für „Geliebte“ verwendet.

Der Begriff Bohème bezeichnet eine Subkultur von intellektuellen Randgruppen mit vorwiegend schriftstellerischer, bildkünstlerischer und musikalischer Ambition und mit betont un- oder gegenbürgerlichen Einstellungen und Verhaltensweisen. Bedeutende und unbedeutende, berühmte, berüchtigte und unberühmte Autoren, Maler, Dichter, Literaten, Studenten, Musiker und Künstler zählen dazu: die Boheme ist eine sozialgeschichtliche Kate- gorie.
Bürgerliche (oder auch adelige!) Töchter und Söhne verweigerten sich oft den Gepflogenheiten ihres Elternhauses und ihrer Klasse und lebten das Leben eines Bohèmes, das sie als eigenständiger und authentischer betrachteten (siehe Toulouse-Lautrec). Die Motive und Hintergründe für einen solchen Lebensstil sind vielfältig. Der Wunsch, die einschränkenden bür- gerlichen Werte und Normen zu überwinden oder der Wunsch nach Identitätsfindung, Selbstverwirklichung und kreativer Freiheit spielten ebenso eine Rolle wie ein exzentrisches Wesen, jugendliche Auflehnung gegen die Elterngeneration, Entfremdungserfahrungen und Gesellschafts- oder Kulturkritik – und natürlich die leidenschaftliche Hingabe an die Kunst, selbst wenn sie nicht zum Broterwerb reicht.
Allen Bohèmebewegungen liegt ein programmatischer Individualismus zugrunde, ohne Scheu vor provokatorischer Wirkung (oft mit Lust an ihr) von Konventionen der „normalen“, gewöhnlichen Lebensführung verselbstständigt. Ebenso weisen die Bohèmes ein ziemliches Maß an Eigenbezug auf: Ihr beliebtestes Motiv sind sie selbst. Die eigene Identität wird in Abgrenzung zum Bürgerstereotyp entwickelt.
Das Verhältnis der Bohème zu Grossstädten wie Paris ist von Faszination und Abstoßung zugleich geprägt. Einerseits braucht der Bohème die vielfältigen Chancen (Kontakt zu Gleichgesinnten, reiches künstlerisches und intellektuelles Leben, Möglichkeiten zum Geldverdienen) der Großstadt, andererseits wird er mit der ganzen Härte des wirtschaftlichen Existenzkampfes konfrontiert. Es werden Städte und Stadtviertel bevorzugt, die ökonomisch günstig sind, eine geeignete Infrastruktur wie Ateliers, Lokale und Akademien bieten und in denen andere Künstler, Studenten und Bohèmes wohnen.

Ein Medley ist ein Musikstück, das aus mehreren Teilen verschiedener Originalstücke zusammengesetzt ist. Wir wenden diese Methode, ähnlich wie im Film, bei den Partyszenen im Moulin Rouge, wie auch bei den Liebesszenen zwischen Christian und Satine an, indem Teile von den besten Liebes- resp. Partysongs zu einer gigantischen Liebesschnulze resp. einem heftigen Discotrack verschmelzen.
Dieses Konzept hat verschiedene Vorteile. Zum einen können durch die Medley-Methode viel mehr verschiedene Songs verwendet werden, wenn auch nur Ausschnitte davon. Dadurch entsteht die Vielfältigkeit, die zu den wichtigsten Eigenschaften des Moulin Rouge zählt. Zum anderen ist eine Darbietung mit vielen, aber kürzer gehaltetenen Songs viel kurzweiliger für die Zuschauer.

Dramatisches Potenzial

„Moulin Rouge“ bietet einen beispielhaften Spannungsbogen, der hier anhand des „pyramidale[n] Bau[s] des Dramas“ nach Gustav Freytag erläutert wird.
Im 1. Akt (Exposition) soll der Zuschauer in Zeit, Ort und Atmosphäre der Handlung eingeführt werden. Die wichtigsten Personen werden direkt oder indirekt vorgestellt.
MOULIN ROUGE: Christian, der Protagonist, eröffnet das Stück. Er schliesst schnell Bekanntschaft mit Toulouse-Lautrec und seiner Truppe und wird von ihnen ins Moulin Rouge geführt, wodurch auch der Hauptort des Geschehens vorgestellt wird. Im Moulin Rouge begegnet der Zuschauer ausserdem Satine (Moulin Rouge Tänzerin und spätere Gelibte Christians), Harold Ziedler (Besitzer des Moulin Rouge) und dem Duke (Investor und Verehrer Satines).
Im 2. Akt (steigende Handlung mit erregendem Moment) erhält die Handlung den entscheidenden Anschub, Interessen stossen aufeinander, Intrigen werden gesponnen, der Ablauf des Geschehens beschleunigt sich in eine bestimmte Richtung.
MOULIN ROUGE: Christian und Satine verlieben sich und beginnen eine Affäre, doch gleichzeitig tut der Duke seinen Anspruch kund, dass er Satine für sich alleine haben will, ansonsten würde er seine Investitionen zurückziehen. Im Kreise der Moulin Rouge Tänzerinnen entsteht Eifersucht auf Satine und ihre glückliche Liebesbeziehung. Gleichzeitig erstellt der Arzt für Satine die Diagnose von Schwindsucht.
Im 3. Akt (Höhepunkt und Peripetie (Wendepunkt)) erreicht die Entwicklung des Konflikts ihren Höhepunkt. Der Held/die Heldin steht in der entscheidenden Auseinandersetzung, dessen Ausgang den weiteren Verlauf der Geschichte entscheiden wird.
MOULIN ROUGE: Eine der Tänzerinnen verrät die beiden beim Duke. Der Duke will Satine zwingen, mit ihm zu schlafen und Christian verzweifelt beinahe vor Eifersucht. Satine reisst sich schliesslich vom Duke los, als dieser versucht, sie zu vergewaltigen, und will mit Christian flüchten. Doch dann erfährt sie von Ziedler, dass sie bald sterben wird.
Im 4. Akt (fallende Handlung mit retardierendem (verzögerndem) Moment) fällt die Handlung auf das Ende zu; dennoch wird die Spannung noch einmal gesteigert, indem die Entwicklung im so genannten retardierenden Moment verzögert wird. Der Held/die Heldin scheint doch nicht gerettet zu werden.
MOULIN ROUGE: Satine beendet die Beziehung mit Christian und sagt, dass sie ihn nie geliebt hat. Sie will ihn loswerden und dadurch vor seiner Ermordung retten und vor ihrem baldigen Tod verschonen. Christian kehrt also ein letztes Mal ins Moulin Rouge zurück, um Satine als Hure zu bezahlen.
Im 5. Akt (Katastrophe) ergibt sich die Lösung des Konflikts mit dem Untergang des Helden/der Heldin. Der äussere Untergang ist allerdings häufig mit einem inneren Sieg und der Verklärung des Helden/der Heldin verbunden.
MOULIN ROUGE: Satine stirbt in Christians Armen, nachdem sie sich noch ein letztes Mal ihre gegenseitige Liebe gestanden haben. Christian schreibt auf den Wunsch Satines hin, ihre gemeinsame Geschichte nieder und zieht das Fazit: „The greatest Thing you’ll ever learn is just to love and be loved in return!“.
Man stellt fest, dass die Kriterien ausnahmslos erfüllt werden und dass dadurch eine stabile Struktur des Stücks gewährleistet ist. Der Weg des Helden ist ebenfalls sehr klassisch: Christian tritt in die für ihn völlig neue Welt des Moulin Rouge ein, durchlebt diese und verlässt sie als veränderter, erfahrenerer Mensch wieder. So viel zur Form.
Inhaltlich vereint „Moulin Rouge“ zahlreiche wirkungsträchtige Dramenmotive, die für ein klassisches Musical unerlässlich sind: Liebe und Hass, Leben und Tod, Macht und Ohnmacht, Glück und Unglück, Hoffnung und Verzweiflung, Reichtum und Mittellosigkeit, Eifersucht, Intrigen. Diese Grundpfeiler der menschlichen Existenz sind in „Moulin Rouge“ alle in einer höchst raffinierten Form und Verkettung vertreten, was den Zuschauer von Anfang bis Schluss an das Bühnengeschehen fesselt.
Des weiteren liegt ein grosser Vorteil im Interpretationsfreiraum des Stücks. Die enorme Facettenvielfalt ermöglicht verschiedenste Zugänge und Schwerpunkte für die Umsetzung. So kann beispielsweise viel Gewicht auf die Darstellung des Nachtlebens im Moulin Rouge und die Bohemian-Bewegung der damaligen Zeit gesetzt werden. Gleichermassen lässt sich auch die Liebesbeziehung zwischen Christian und Satine hervorheben und das Moulin Rouge und die Bohemians auf die Funktion der Rahmengeschichte reduzieren, usw.