Hintergründe

Produktion

Wie überträgt man ein Buch, welches eine Geschichte erzählt, die sich auf mehrere Jahre ausbreitet, in ein Musical? Das war wohl die schwerste Frage in der Produktion von "Animal Farm". Interessanterweise hat sich aber herausgestellt, dass George Orwells Märchen recht theaterfreundlich ist.

Es begann alles mit der Idee, "Animal Farm" umzusetzen. Mit eben diesem Titel im Kopf machte ich mich auf die Suche und wurde fündig: "Farm der Tiere - Ein Märchen". Kann ja heiter werden. Aber es war weder ein moralverseuchtes Märchen im Soap-Opera-Stil über eine idyllische Farm im Grünen; wie sich herausstellte, ist seit Gullivers Reisen - wie Arthur Koestler kommentiert - "keine Parabel geschrieben worden, die es an Tiefe und beissendem Spott mit der Farm der Tiere aufnehmen kann." Denn nach der Vertreibung der bösen Menschen sollten auf der Farm kommunistische - utopische - Verhältnisse geschaffen werden, welche sich aber aufgrund des allüberdauernden Egoismus in eine gewalttätige und intrigenreiche Diktatur umwandeln.

Nach dem Durchlesen und Verstehen der Hintergründe mussten die Zehn Kapitel für da Theater in Akte - bei "Animal Farm" relativ kleine - gegliedert werden. Dabei entstand eine Fassung in vier Akten mit einem kurzen Finale. Der erste Akt endet mit einer fröhlichen Siegesfeier über die gelungene Rebellion gegen den Menschen, während der kurze zweite Akt das neue Farmleben sowie die ersten "Zwischenfälle" zeigt. Der ausgedehnte dritte Akt stellt danach das ganze Farmleben auf den Kopf und zeigt eine Diktatur, von welcher die Tiere erst noch gar nichts erfahren, da sie dank Schwein Schwatzwutz' Redegewandtheit immer wieder über die Wahrheit hinweg getäuscht werden. Im vierten Akt erst bemerken die Tiere erst, dass es ihnen nicht mehr gut geht - selbstverständlich können sie nichts mehr dagegen unternehmen. Das Finale zeigt dann den endgültigen Sinneswandel von animalistischem Gemeinschaftsdenken zu menschlichen Gewohnheit, was doch eine rechte Tragödie ist. Damit endet auch das Stück weder mit Happy End noch mit Moral - über die Welt kann sich danach jeder und jede selbst ein Bild verschaffen.

Ingesamt wurde das Buch im August in vier Tagen von etwa 180 Seiten auf 10 Notizseiten übertragen - mit Akt- und Szenenreihenfolge. Dies sollte auch die Vorlage für das Buch sein. Gute Ideen brauchen ja bekanntlich Zeit, und so dauerte das Schreiben des Buches von Mitte August 1999 bis anfangs 2000 - Korrekturen wurden noch bis Ende Februar vorgenommen.

Insgesamt ist das Buch für das Musical in einen viel kleineren Zeitrahmen zusammengefasst worden. Einmal überwiegt das Schauspiel, ein anderes Mal die Musik. So sind die beiden Elemente - Theater und Musik - komplett ineinander zusammengeführt worden, so dass die Tiere selbst Musik machen und singen - gleichzeitig aber auch spielen.

Ein kleiner Teil der Musik ist bereits durch das Buch vorgegeben; weiterhin wurde Musik teils durch das Skript vorgeschrieben, andererseits aber auch durch das Komponistinnen-Team selbst hinzugenommen. Somit wurden beide Aspekte des Musicals in Zusammenarbeit zwischen mir und den Schwerpunktfächlerinnen verschmolzen.
(Lorenz Ulrich)

 

Aufführungen:

Freitag, 24. März 2000 (Première)
Samstag, 25. März 2000
Montag, 27. März 2000 (Dernière)

 

Aus dem Vorwort der deutschen Übersetzung von Ulrich Wickert:

Eine gerechte Welt haben die Propheten von jeher dem Menschen als Utopie angeboten - manche begründen das kommende Heil mit dem Glauben, andere mit Erkenntnis. Und jeder Prophet weiss, dass sein Reich kommen wird. Weil der Mensch schwach ist, lässt er sich in jeder Generation erneut verführen. So wälzt sich die Sehnsucht nach einer besseren Welt seit Jahrtausenden wie eine Schlammlawine über den Verstand, und verdeckt die Einsicht, dass der Mensch zu einer Welt, in der ausschliesslich das Gute regiert, kaum fähig ist; denn die Vernunft steht in einem steten Widerstreit zum Gefühl. Ob sie nun Reobespierre, Stalin oder Khomeini heissen, für alle gilt das gleiche: Wenn Meachtmenschen darangehen, eine Utopie zu verwirklichen, dann entwickelt sich meist der Wunsch- in einen Alptraum, aus dem der Mensch, wenn er Glück hat, schweissgebadet aufwacht.

[...]

Als vor fünfzig Jahren die meisten englischen Intellektuellen Orwells "Farm der Tiere" - die Fabel des Jahrhunderts - ablehnten, als albernes Buch, das nicht hätte veröffentlicht werden sollen, war ihnen wichtiger, Stalin als Alliierten vor Kritik zu schützen, als die Fakten anzuerkennen, dass er aus Machtgier zum Massenmörder geworden war.

[...]

Nachdem die Tiere den bösen Zaren - Mr. Jones - von der Farm vertrieben haben, weist ihnen die Vernunft den Weg, und auch sie geben sich Gebote. Erst einmal geht alles gut, ein einen Teil des Weges kann auch die Vernunft zeigen. Doch dann wird das Ideal pervertiert durch das Streben nach Macht, immer wieder - ob im Christentum (der Papst ist der Widerspruch zu Jesu), ob im Islam oder ob in der politischen Utopie, dem Sozialismus. Jede Utopie ist ein Wunschbild, das sich über die Wirklichkeit erhebt.

[...]

Da der Mensch zur Vernunft fähig ist, kann man es Tieren nicht verübeln, wenn sie dem Mensch nachstreben. Doch darf man einem Menschen, der sich der Vernunft verweigert, nicht gestatten, sich wie ein aufrecht gehendes Schwein zu verhalten.
Auszüge mit freundlicher Genehmigung des diogenes-Verlag

George Orwell

Aus einem Bericht der Zeitschrift "Sonntag" zum 50. Todestag von George Orwell am 21. Januar 2000.

Orwell war zeit seines Lebens Demokrat mit sozialistischen Tendenzen und ein scharfer Kritiker des englischen Imperialismus. Die Entartung der Russischen Revolution vor und nach dem zweiten Weltkrieg war für ihn eine bittere Enttäuschung. Schon 1945 hatte er deshalb in der brillanten Prosafabel "Farm der Tiere" gegeisselt. Sie gilt inzwischen allenthalben als sein Meisterwerk.

Auszüge mit freundlicher Genehmigung der CAT Medien AG. Entnommen den Zeitschriften "Sonntag" und "Leben & Glauben".

George Orwell (Pseudonym für Eric Arthur Blair), studierte in Eton und diente dann von 1922 bis 1927 bei der "Indian Imperial Police" in Burma. Nachdem er den für ihn unerquicklichen Dienst verlassen hatte, schlug er sich in England als Tutor, Lehrer und Buchhändler durch. Von diesem Leben berichtet er selbst in "Down and Out in Paris and London" (1933). 1936 kämpfte Orwell im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Kommunisten und wurde verwundet, Auch diese Erlebnisse hat er niedergeschrieben: "Homage to Catalonia" (1938). Während des Zweiten Weltkrieges war er beim BBC als Sprecher tätig und veröffentlichte kurz danach seine Satire auf die Diktatur "Animal Farm" (1945). Sein berühmtestes Buch, der utopische Roman "Nineteen Eighty-Four" erschien 1949 unmittelbar vor seinem Tod. Das Schreckbild des totalitären Staates wird hier nicht eigentlich als "Utopie", sondern als eine Zukunft dargestellt, die sich, wie Orwell meint, in ihrer grausigen Realität konsequent aus vorhandenen Ansätzen der Gegenwart in absehbarer Zeit verwirklichen wird.
Aus: Reclams Romanführer, Ausländische Romane